SCHUFA möchte Konten einsehen

SCHUFA möchte Konten einsehen

27. November 2021

Bislang erhält die SCHUFA weitaus weniger Informationen, als viele Menschen annehmen. Denn wie viel Geld auf den jeweiligen Kundenkonten liegt oder wofür es ausgegeben wird, weiß die Wiesbadener Auskunftei bis dato nicht. Das könnte sich jedoch aufgrund einer EU-Richtlinie ändern.

Wie funktioniert die SCHUFA?

Die Grundidee der SCHUFA (Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung) liegt darin, dass Unternehmen ihre Zahlungserfahrungen mit Kunden untereinander austauschen können. Dazu werden neben dem Namen, Geburtsdatum und ggf. -ort sowie der Anschrift sogenannte positive und negative Informationen über Verbraucher gespeichert.

Zu den positiven Informationen zählen Angaben zu vertragsgemäßen Verhalten, wie beispielsweise Girokonten, Kreditkarten, Mobilfunkverträge mit Laufzeit, Leasingverträge, Kredite und Versandhandelskonten. Diese Daten sollen darauf hinweisen, dass eine Person ihre Rechnungen und Raten regelmäßig bezahlt und ihr deswegen die jeweiligen Unternehmen vertrauen.

Als negative Informationen gelten dagegen nicht vertragsgemäße Verhaltensweisen, zum Beispiel Zahlungsausfälle, ein durch die Bank aufgrund von Zahlungsrückständen gekündigter Kredit sowie Informationen aus öffentlichen Schuldnerverzeichnissen.

Alle diese Daten sollen eine wichtige Entscheidungsgrundlage für Unternehmen darstellen und ihnen dabei helfen, Zahlungsausfälle zu minimieren sowie Verbraucher vor einer Überschuldung schützen. Zu dieser Gemeinschaft zählen etwa 10.000 Vertragspartner, darunter Banken und Sparkassen, Unternehmen im stationären oder Internet-Handel, Telekommunikationsgesellschaften, Energieversorger und viele mehr.

Kontoinformationsdienste

Im Januar 2018 wurde die zweite EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 (Payment Services Directive 2) in Deutschland eingeführt. Diese macht es möglich, dass sogenannte Kontoinformationsdienste nach Einwilligung des Kunden Einsicht in dessen Konten nehmen können. Dabei werden dem Kontoinhaber aufbereitete Informationen zu beispielsweise seinen Umsätzen, Salden oder Vormerkposten seiner Bankkonten zur Verfügung gestellt. Es können aber auch Informationen über eine ausreichende Kontodeckung abgefragt werden, um darauf aufbauend andere Dienste, wie zum Beispiel eine Kreditgewährung, anzubieten.

Ende 2018 kaufte die SCHUFA den bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) registrierten in München ansässigen Kontoinformationsdienst finAPI GmbH. Dieser hat laut eigener Aussage die Möglichkeit, auf mehr als 50 Millionen deutsche Bankkonten zuzugreifen. Laut einem Mitarbeiter der Tochterfirma könne das Unternehmen anhand der Kontoauszüge 65 Unterkategorien identifizieren, wie beispielsweise Arztbesuche, Gehalt, Miete, staatliche Leistungen, Unterhaltszahlungen und Urlaubsreisen, aber auch Risikofaktoren wie Glücksspiel, Zahlungen an Inkassoinstitute oder Rücklastschriften.

Ein durchaus willkommener Aspekt für die SCHUFA, könnte man meinen. Denn NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung konnten interne Dokumente der Auskunftei einsehen. So fanden sie heraus, dass die finAPI GmbH auch aus dem Grund übernommen wurde, um an Verbraucherkontodaten zu gelangen.

Das SCHUFA CheckNow-Verfahren

Am 4. November 2020 startete mit rund 100 Nutzern eine erste Testphase des neuen SCHUFA-Produkts „CheckNow“ in Zusammenarbeit mit dem Mobilfunkanbieter Telefónica/O2. Darin werden erweiterte Möglichkeiten der Bonitätsprüfung angeboten, um die Kreditwürdigkeit einer Person zu ermitteln. Das Ziel dahinter ist, Menschen mit einem schlechten SCHUFA-Score bzw. Ergebnis die Chance auf eine bessere Bewertung zu geben.

Beim sogenannten Scoring werden mit Hilfe gesammelter Informationen und Erfahrungen der Vergangenheit möglichst genaue Prognosen für die Zukunft ermittelt. Diese Verfahren werden unter anderem in der Medizin, der Meteorologie oder im Versicherungswesen angewendet. Beim Kreditscoring geht es hauptsächlich darum, wie zuverlässig jemand seine Zahlungsverpflichtungen erfüllen kann. Für diejenigen unter den 67,9 Millionen bei der SCHUFA gespeicherten Menschen mit einem schlechten Score ist es häufig sehr schwer eine Mietwohnung oder Kredite bewilligt zu bekommen bzw. andere Verträge abzuschließen. Denn bei ihnen bestehe anhand der Bewertung ein erhöhtes Risiko, Rechnungen nicht bezahlen zu können. Besonders an diese Menschen richtet sich das CheckNow-Verfahren.

Der Kunde erteilt dafür seine Einwilligung, woraufhin die (kostenlose) Analyse seiner Kontoinformationen erfolgt. Dabei untersucht der zur SCHUFA gehörende Kontoinformationsdienst finAPI GmbH die bonitätsrelevanten Daten und übermittelt ihre Informationen an die SCHUFA. Diese erstellt dann wiederum eine neue und idealerweise bessere Bewertung und leitet danach lediglich das Ergebnis der Analyse an das betreffende Unternehmen weiter. Es werden niemals die Kontoinformationen an sich, also zum Beispiel Buchungen oder einzelne Kontostände, herausgegeben. Auf dieser Grundlage kann nun wiederholt geprüft werden, ob das Unternehmen vielleicht doch einen Vertragsabschluss genehmigen kann.

Bei dem gestarteten Projekt mit Telefónica/O2 gewährten potentielle Neukunden, die aufgrund eines schlechten Scoringwertes eigentlich keinen Handyvertrag bekommen würden, der SCHUFA Einblick auf Ihr Konto, um eine möglichst bessere Bewertung und dadurch schließlich doch einen Handyvertrag erhalten zu können. Die zu diesen Testzwecken genutzten Kontoinformationen sollen nicht gespeichert worden sein.

Zunächst einmal macht der neue Service einen verbraucherfreundlichen Eindruck. CheckNow sei zweckgebunden, das heißt es würden nur die wesentlichen Daten kontrolliert und auch nur kurz gespeichert werden, so eine Aussage der SCHUFA.

Zudem sollen die Kunden jedoch in eine Erlaubnis einwilligen, die die Auskunftei dazu berechtigt, die Kontoauszüge zu speichern, auszuwerten und zur „Entwicklung und Weiterentwicklung von eigenen Dienstleistungen und Produkten“ zu verarbeiten, so heißt es in der Einwilligungserklärung. Das sehen Datenschützer jedoch äußerst kritisch. Der frühere Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar sehe bei der Zustimmung unter anderem die Gefahr darin, die Konsequenzen nicht abschätzen zu können und sagt: „Ich mache mich da wirklich nackig, wenn ich diesen Einwilligungsbutton bestätige“. Die SCHUFA hätte dadurch nicht nur die Möglichkeit, sehr umfassende Persönlichkeitsprofile zu erstellen, sondern auch die Daten Dritter, die in Kontoauszügen erscheinen, zu ermitteln.

Telefónica/O2 beendet Kooperation mit der SCHUFA

Derzeit werden das neue CheckNow-Verfahren sowie die Möglichkeit einer „freiwilligen Datenspende“ an die SCHUFA vom zuständigen bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht auf ihre rechtliche Zulässigkeit untersucht.

Unterdessen hat der Mobilfunkanbieter Telefónica/O2 die Zusammenarbeit mit der SCHUFA vorzeitig beendet. „Die Ergebnisse dieses Tests haben unsere Erwartungen leider nicht erfüllt“, teilte Telefónica/O2 der Deutschen Presse-Agentur mit. Das Unternehmen möchte das CheckNow-Verfahren der SCHUFA nicht länger nutzen. Wohl nicht zuletzt deswegen, weil es von Verbraucherschützern und Politikern vielfach diskutiert und kritisiert wurde.

 

Meine Quellen:

 

https://www.pcwelt.de/news/O2-Vertrag-Schufa-testet-den-glaesernen-Kunden-10931265.html

https://www.schufa.de/ueber-uns/presse/pressemitteilungen/stellungnahme-checknow.jsp

https://www.schufa.de/ueber-uns/presse/pressemitteilungen/schufa-checknow-erweitert-moeglichkeiten-bonitaetspruefung-kontodatenanalyse-auftrag-verbrauchers.jsp

https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/horror-fuer-datenschuetzer-schufa-will-kontoauszuege-auswerten,SHT6KLL

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schufa-superscore-kontoauszug-konto-horror-1.5128963

https://www.t-online.de/finanzen/geld-vorsorge/sparen-finanzieren/id_89018086/schufa-will-kontoauszuege-checken-datenschuetzer-entsetzt.html

https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2020/Bankgeheimnis-Schufa-will-Konten-ausforschen,schufa166.html

 

Autorin: Aline Neißner